Schachtraining für Amateure – Versuch einer Anleitung
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Schachtraining für Amateure – Versuch einer Anleitung

Lesedauer: 6 Minuten

Irgendwie kommt früher oder später jeder Schachspieler, der Schach im Wettbewerb bestreitet, an einen Punkt, an dem er sich fragt: „Wie trainiere ich eigentlich systematisch am besten Schach?“

(Und natürlich darf auch die körperliche Fitness nicht vernachlässigt werden. Mehr dazu findet ihr im Beitrag Fitnesstraining für Schachspieler. Dazu kommt noch die richtige Ernährung vor und während eines Turniers. Mehr dazu erfahrt ihr im Artikel Brokkoli besiegt Butterkeks.)

Dazu gibt es auf diversen Webseiten unzählige Tipps. Angefangen von Buchreihen und Buchempfehlungen über Online-Lernvideos bis hin zu Taktikaufgaben und dem Ratschlag, möglichst viele Partien online zu spielen.

Was ist denn nun richtig, und warum ist Schachtraining nur langsam und trotz Studium vieler Bücher selten von Erfolg gekrönt?

Versuchen wir erst mal den letzten Teil der Frage zu beantworten.

Schach ist ein Spiel, das für den Lernenden den Dunning-Kruger-Effekt bereithält.

Hierzu ein Zitat von David Dunning: „Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […] Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, die man braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen.“– David Dunning

Auf das Schachspiel übertragen heißt dies: Das notwendige Wissen, das man braucht, um die eigenen Fehler in einer Schachpartie zu erkennen, ist genau das Wissen, das einem fehlt. Man kann daher die eigenen Fehler gar nicht als solche erkennen. Genau das ist der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt.

Und nun?

Die Lösung dieses Problems ist recht einfach: Man braucht einen Trainer oder einen deutlich stärkeren Spieler, der einem erklärt, was und warum etwas in einer Stellung schiefgelaufen ist und wie man dies zukünftig besser macht.

Das kann doch mein Computer auch…

Natürlich kann der Kollege Computer sämtliche taktischen oder gar positionellen Fehler aufzeigen. Nur erklärt er einem nicht, warum etwas schlecht ist und was vielleicht das Muster ist, das man in diesem Stellungstyp kennen sollte. Hier fehlen dem Computer die didaktischen Fähigkeiten, um beim schwächeren Spieler einen Lernerfolg zu erzielen…

Schachvereine bieten mit einem Trainingsangebot meistens genau diese Option an. Alternativ kann man sich über das Internet auch einen Trainer für individuelles Training suchen. Das Angebot ist groß, und es sollte für jeden ein passender Lehrer zu finden sein.

Trainingsabend im Schachverein - Einzelphase (c) A. Schrade

Die richtigen Bücher sind auch wichtige Bausteine für das eigene Training.

Das soll nun aber nicht heißen, dass nur ein richtiger Trainer weiterhelfen kann. Es gibt sehr gute Bücher für das eigene Training auf dem Markt. Und so manche Bücher sind hervorragende Anleitungen für das kleine und große Schacheinmaleins.

Ja, es gibt Inhalte im Schach, die man lernen kann, wie beispielsweise Vokabeln oder das kleine Einmaleins. Dazu gehören

  • Grundlegende Endspiele
  • Taktische Motive
  •  Vorgehen bei der taktischen Kalkulation

 

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Zum großen Einmaleins würde ich dann die Grundlagen der Stellungsbewertung und typische Motive in bestimmten Bauernstrukturen zählen.

Dies alles ganz allein nur grundlegend zu studieren, ist jahresfüllend und mag viele abschrecken. Hier wiederum kann ein Trainer helfen, möglichst schnell die eigenen Lücken zu identifizieren und dann gezielt an diesen zu arbeiten.

Ok, ich brauche also ab und an einen Menschen…

Zusammengefasst kann man feststellen, dass neben dem kleinen und dem großen Schacheinmaleins der Kontakt mit einem Trainer oder einem deutlich stärkeren Spieler für einen gewissen Lernerfolg im Schach sehr wichtig ist.

…und verdammt viel Zeit!

Nun dieser Schluss liegt nahe. Es stimmt, Schach lernt man nur mit der Zeit, und es dauert auch für den ambitionierten Schachspieler Jahre oder auch Jahrzehnte, um an die obere ELO-Grenze des Amateurschachs [2300] zu stoßen. Trotzdem lassen sich viele Erfolge auf dem Weg dorthin erlangen. Und für den Amateur, bei dem die Freude am Schach im Vordergrund stehen sollte, ist manchmal auch der Weg das Ziel. Nur wird jeder, der im Schach sein Können verbessern möchte, diesen Weg auf die eine oder andere Weise beschreiten müssen. Schön daran ist: Das Tempo bestimmt jeder Schachspieler selber!

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Ok, wie soll das denn alles zusammen aussehen?

Nachfolgend stelle ich einen allgemeinen Schulungsplan für diejenigen vor, die eine Orientierung haben möchten und bereit sind, einen Teil ihrer Anstrengungen darauf zu verwenden, einen Wettbewerbsvorteil in den nächsten Partien zu erlangen.

Genau mein Ding… was wäre zu tun?

Wie kann ich denn nun Schach „richtig“ trainieren?

Neben dem Training mit einem Partner oder Trainer hilft es üblicherweise, folgende Punkte regelmäßig zu wiederholen:

  • Taktiktraining,
  • Analysieren von GM-Partien,
  • Übungsspiele spielen,
  • Endspiele studieren,
  • an den eigenen Eröffnungen arbeiten.

Im Folgenden werden die Punkte einzeln erläutert.

Taktiktraining:

Hier gibt es viele Möglichkeiten Taktikaufgaben im Internet zu lösen. Tiefergehend und erfolgversprechender ist es jedoch, gezielt nach Büchern zu suchen, die dabei auch noch typische taktische Motive trainieren. Bücher mit Schachmattmustern oder mit Taktikmotiven gibt es reichlich am Markt. Diese bilden eine gute Ausgangsbasis für das Taktiktraining.

Analyse von Großmeisterpartien:

Es ist wichtig, Großmeisterpartien selbst zu analysieren. Hierbei sind schon für Anfänger und Fortgeschrittene kommentierte Partiensammlungen sehr hilfreich. Auch Videos im Internet, in denen Großmeisterpartien vorgestellt werden, können helfen. Entscheidend ist aber, die Partie in eigener Analyse selbst nachzuvollziehen und mit den Kommentaren zu vergleichen. Also erst den jeweils nächsten Zug überlegen und dann den tatsächlichen Zug und den dazugehörigen Kommentar betrachten. Darüber hinaus ist es für Anfänger nützlich, Partien zwischen sehr unterschiedlich starken Spielern zu analysieren. So kann man lernen, wie man einen Vorteil in einen Sieg ummünzt. Auf diese Weise lernt man positionelles Spiel, das Spiel in bestimmten Bauernstrukturen und typische Ideen kennen.

Übungsspiele spielen:

Übungsspiele kann man mittlerweile leicht gegen einen Computer spielen, hilfreicher ist jedoch ein menschlicher Trainingspartner, sei es über das Internet oder im Schachverein. Die Partien sollten unbedingt mehr als 10 Minuten je Seite Bedenkzeit haben. Blitzpartien trainieren Mustererkennung und Stellungsgefühl, für das Training für Turnierpartien sind sie jedoch weniger effektiv.

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Endspiele studieren:

Das Studium von Endspielen und das Wissen darüber kann über Sieg oder Niederlage entscheiden. Es gibt gute Bücher am Markt, in denen der Schachschüler nach Herzenslust stöbern kann. Darüber hinaus: Schachendspiele unterliegen nicht wie Eröffnungen einer Mode, die Erkenntnisse bleiben (sofern das Buch keinen Fehler enthält) immer gleich wertvoll.

Die eigenen Eröffnungen studieren:

„Mache ich doch“, denken Sie jetzt gerade, oder? Naja, ich hoffe, so wie es auch am effektivsten ist. Idealerweise nehmen Sie sich einen GM als Vorbild, der möglichst erfolgreich dieselbe Variante wie Sie spielt und versuchen, möglichst viele Partien von diesem zu analysieren und nachzuspielen. Klar haben Sie sich vorher ein Buch gekauft und dort die Varianten kennengelernt. Doch aus den Partien des GM lernen Sie zusätzlich, wie Sie im Mittelspiel und in typischen aus der Eröffnung hervorgehenden Endspielen agieren können. So lernen sie am meisten über die Bauernstruktur und die positionellen Feinheiten in Ihrer Lieblingseröffnung.

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Alles klar… und wann soll ich schlafen?

Keine Panik, das geht mit überschaubarem Aufwand, Qualität sollte vor Quantität kommen und eine Einheit dauert typischerweise ca. 30-60 Minuten. Bei Übungsspielen kann und wird es bestimmt auch mal etwas mehr sein. 

So könnte dann ein Trainingsplan aussehen:

Der Trainingsplan

Tag 1

Arbeit an Taktiken – 45 – 60 Minuten
[taktische Studien, Rätsel, Probleme, Stellungen aus realen Partien lösen]

Tag 2

Arbeiten Sie an der Strategie – analysieren Sie Partien von starken Spielern, idealerweise von solchen, die ein ähnliches Eröffnungsrepertoire haben wie das, was Sie normalerweise spielen

Tag 3

Übungsspiele spielen – 10-15-Minuten-Zeitkontrolle oder länger

 

Tag 4

Arbeit an grundlegenden Endspielen

Tag 5

Übungsspiele spielen – 10-15-Minuten-Zeitkontrolle oder länger

Tag 6

Taktik / Eröffnungsvorbereitung / Analyse von GM Partien

Tag 7

Taktik / Eröffnungsvorbereitung / Analyse von GM Partien

Es steht Ihnen frei, diesen Zeitplan an Ihre Bedürfnisse anzupassen. Er soll nur eine Idee geben, wie man das eigene Training organisieren kann.

In jedem Fall wünsche ich viel Erfolg und freue mich über Rückmeldungen in den Kommentaren.

Mit schachlichen Grüßen

Achim Schrade

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Carsten

    Sehr gut. Jeder sollte sehen, wie viel Trainingstage man in der Woche einplant. Aber man sollte mindestens die Hälfte der Zeit spielen. Egal ob gegen Mensch oder Computer. Momentan bleibt fast nur eine Internet-Platform.
    Bleibt alle gesund. 🙂

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